Short Story Collab #8: Zwielicht

Zwielicht über Tokyo

Thema für Oktober : #09: “Traum” (1. – 31. Oktober) (Wurde in der Facebook-Gruppe abgestimmt)

Augustbeiträge (Zwielicht):

Katta
Bibi
Franzi
Steffi

Was ist das überhaupt?
Alle bisherigen Beiträge.

Mein Beitrag zum August-Thema “Zwielicht”:

Im Zwielicht des endenden Tages wanderten dunkle Schatten über Korbins Gesicht, während seine eisblauen Augen ohne zu blinzeln starr geradeaus schauten. Angespannt und leicht nach vorne gebeugt wartete er auf das Untergehen der Sonne, das für ihn als Countdown fungierte. Mit dem Verlöschen des letzten Sonnenstrahls wurde ein versteckter Mechanismus in Gang gesetzt, der die fugenlose, weiße Wand vor ihm zerteilte. Eine dunkle Öffnung tat sich vor Korbin auf: das Labyrinth war offen. Er rannte los. Links, rechts, rechts, links, wieder links, gerade über die Kreuzung, dann rechts… die ersten Kilometer brauchte er nicht viel überlegen und konnte einfach rennen, doch das blieb nicht lange so. Schon die nächste Abzweigung brachte ihn in ein Gebiet, das er erst letzte Woche erkundet hatte. Das neue Areal begann westlich einer Kreuzung, von der drei Gänge abzweigten. Aus dem südlichen kam er, das Gebiet hinter dem östlichen hatte in den Wochen zuvor komplett abgelaufen. Seinen Überlegungen zufolge musste der westliche Pfad zum Ziel führen, aber wie viel Labyrinth noch zwischen der Kreuzung und dem Ziel lag, das konnte Korbin nur schätzen. Seinen Vermutungen und seiner kruden Karte zufolge musste das Labyrinth mindestens 10 Kilometer Seitenlänge haben. Falls es denn überhaupt quadratisch war. Seine gesamte Berechnung beruhte auf dem Fakt, dass ihn östlich seines Startpunktes die Wege nach rund 5 Kilometern stets wieder nach Norden oder Süden wegführten. Aber ob dort die Außenwand war oder dahinter das Labyrinth weiterging, hätte er nicht sagen können. Was war hinter dem Labyrinth? Was war der Sinn des Ganzen? Die glatten weißen, leicht fluoreszierenden Wände waren viel zu hoch, als dass er hätte irgendetwas von dahinter erkennen können und über den Sinn hatte er längst aufgehört nachzudenken. Er hatte keine Erinnerung an eine Zeit vor dem Labyrinth, er hatte keinerlei Anhaltspunkte, konnte also nur Vermutungen anstellen. Die einfachste Lösung schien es ihm zu sein, das Labyrinth zu lösen, anstatt sich in eine Ecke zu verkriechen und sich Gedanken über den Sinn zu machen. Einen einzigen Hinweis gab es aber doch. Korbin hatte ihn fast vergessen, so sehr hatte er sich bereits an den Anblick gewöhnt. Der Hinweis war ein Schild am Eingang des Labyrinths, aber wer es dort angebracht hat, konnte Korbin auch wieder nur vermuten. Auf diesem Schild standen nur zwei kurze Sätze.
– Löse das Labyrinth!
– Halte dich niemals zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang im Labyrinth auf!

Doch warum? Was bedeutete das alles? Wer war er? Zu welchem Zweck war er hier? Was war außerhalb? Gab es ein außerhalb?
Korbin ging in Gedanken die wenigen Hinweise durch und erwischte sich dabei, mal wieder nach einem Sinn zu suchen. “Konzentrier dich! Oder willst du dich am Ende noch verlaufen!”, maßregelte er sich in Gedanken. Links, rechts, rechts, links, lange geradeaus… Korbin wurde immer langsamer, musste bei jeder Biegung länger nachdenken. Seiner inneren Uhr zufolge konnte er nicht mehr weit laufen, bis er den point of no return erreicht hatte, den Punkt, an dem die Zeit und seine Kräfte gerade noch für den Rückweg reichen würden. Bingo fuel. Den Begriff kannte er aus Science-Fiction-Romanen, ohne festmachen zu können, aus welchem genau. Die Erinnerungen an sein früheres Leben waren verschwommen und schemenhaft, aber er wusste, er hatte eins. Und er würde es wieder haben. Er lief weiter. Heute würde er es schaffen. Er musste. Wieso sich weiter vormachen, das sei ihm alles gleich? Er konnte einfach nicht mehr mit der Ungewissheit leben. Er rannte und rannte. Und hielt an. Vor ihm war eine Wand, er war in eine Sackgasse gelaufen. Wie konnte das sein? Er ging die letzten Abzweigungen durch, betrachtete die Karte, die beim Laufen in seinem Kopf entstanden war. Das konnte nicht sein. Eine Sackgasse? Aber es gab keinen anderen Weg. Das konnte er einfach nicht akzeptieren. Oder hatte er etwa einen Fehler gemacht? Falls ja, würde er überhaupt zurückfinden? Panik kroch in ihm herauf, er überlegte, wie viel Zeit ihm noch blieb. Genug, um den Weg zurück zu finden? Falls seine Gedankenkarte stimmte, dann schon. Aber was, wenn nicht? Er lief zurück, schaute in alle Abzweigungen, an denen er vorbeikam – nein, es stimmte alles. Aber das hieß… den Tränen nah ließ er sich zu Boden sinken. Das hieß, es gab keinen Ausgang? Ein Labyrinth ohne Lösung? Aber warum? Zu welchem Zweck? Er verstand es einfach nicht, er wollte es auch gar nicht verstehen. Wochen seines Lebens, verschwendet in den weißen Wänden des Labyrinths, das einfach nur da war. Ohne Sinn und Zweck. Erschöpft streckte er sich ganz auf dem Boden aus, die Wand in seinem Blickfeld hoch hinauf ragend, ihn fast schon höhnisch von oben herab betrachtend. Wäre der Wand ein Mund gewachsen, mit dem sie ihn ausgelacht hätte, er hätte sich nicht stärker verhöhnt fühlen können. Die Kälte des Bodens schlich ihm in die Knochen, während er müde und regungslos nur dort lag. Erschöpft betrachtete er den Himmel, sah, wie die Sterne verblassten. Mit einem Lächeln betrachtete er das Labyrinth, zum ersten Mal nicht nachts, sondern im Zwielicht des beginnenden Tages.
“Es ist wunderschön”, flüsterte er und schloss die Augen.

11 comments

  1. hmmmm….
    Die Idee mit dem Labyrinth find ich gut. Gefällt mir sehr. Bisschen psycho und keiner weiß, was da eigentlich abgeht. Mag ich sehr.
    Nur das Ende finde ich bisschen abrupt und nicht nachvollziehbar, vielleicht kapier ich es auch einfach nur nicht richtig 😀

  2. Meine Enden sind doch immer abrupt. Ich finde, bei Kurzgeschichten kann/muss man das auch mal machen und nicht alles bis ins Detail erklären. 🙂

  3. Die Geschichte gefällt mir gut. 🙂 Cooles Setting. Könnte fast eine Metapher für’s Leben sein. 🙂

    Erinnert außerdem ein bisschen an Maze Runner, zumindest von dem, was ich in dem Trailer gesehen habe.

  4. Ja, ich weiß nicht, was mein Unterbewusstsein da gemacht hat. Der Protagonist hieß zuerst Thomas, am Ende habe ich “Maze Runner” gegoogelt und gemerkt, dass da der Protagonist auch Thomas heißt. Hab den Film nicht gesehen und das Buch ist was her, aber unterbewusst wurde ich da sicherlich beeinflusst.

    Die Metapher fürs Leben ist gewollt (darf man das verraten?), aber kam mir selbst erst gegen Mitte der Geschichte. Hätte die ganze Story vielleicht, mit dem Aspekt im Kopf, neu schreiben sollen. Bin aber dennoch ganz zufrieden damit.

  5. Wollte oder müsste ich mich kurzfassen, wären die Worte “geiles Stück Text” sicherlich die treffendste Beschreibung für das, was ich da gerade gelesen habe, auch wenn es mir ein wenig leid tut, meinen bisherigen Favoriten, Deinen Beitrag zum Thema “Superkräfte”, somit des ersten Platzes zu verweisen.

    Diese Kurzgeschichte hat absolut meinen Lesernerv getroffen, aber ich wäre nicht ich, wenn ich nichts zu meckern hätte und deswegen möchte ich mit dem klitzekleinen Manko anfangen, dass ich zumindest für mich als solches empfunden habe: “Bingo fuel” – Hätte ich an dieser Stelle des Textes meinem natürlichen Verlangen nachgegeben und den Begriff aus dem Text heraus gegoogelt, hätte ich mir – und da bin ich mir leider ziemlich sicher – selbst den Lesespaß verhagelt. Mir war dieser Ausdruck nicht geläufig und ich hätte mir gewünscht, dass er mir kurz erklärt wird, wenn er schon Verwendung findet. So wurde dieser Einwurf für mich zu einem kleinen “Ruckelmoment”, den ich gerne nicht wahrgenommen hätte, um einfach noch tiefer in der Beklemmung stecken bleiben zu dürfen, die ich bis zu diesem Punkt des Lesens wirklich und in seltsam erschreckend-schöner Weise verspüren durfte. Womit ich auch schon beim Lob wäre…

    Keine Ahnung, was Dich zu dieser Idee für eine Kurzgeschichte getrieben hat, aber von mir aus darfst Du gerne wieder an den Ort zurückgehen, wo Du diese Inspiration gefunden hast.
    Es passiert mir eher selten, dass mich Geschriebenes derart mitreißt, aber ich hatte tatsächlich das Gefühl, Korbins Stress und seine Verzweiflung spüren zu können. Als er in die Sackgasse kommt, die er so nicht erwartet hatte, war es fast so, als würde ich in seinem Kopf stecken und tatsächlich habe ich an dieser Stelle laut geseufzt und auch ein wenig Angst um Deinen “Helden” gehabt.
    Streckenweise hat mich die Art, wie Du Spannung für den Leser und Druck auf den Protagonisten aufbaust, an einen meiner Lieblingsautoren erinnert (Sebastian Fitzek). Ähnlich wie dieser, hast Du mich während des Lesens dazu gebracht, unbedingt zum Abschluss der Geschichte kommen zu wollen, während Du auch die Angst vor dem vermeintlichen Ende geschürt hast. Das mag zwar etwas komisch klingen, ist in meiner Welt aber als echte und ernst gemeinte Auszeichnung zu verstehen.
    Trotzdem hadere ich etwas mit dem Ende. Nicht, weil es zu abrupt kommt, ganz in Gegenteil – ich finde diese Plötzlichkeit mehr als gelungen und passend in Deiner Geschichte – sondern, weil ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich ein Ende ist…

  6. Best. Critique. Ever! Dankeschön 🙂

    Aber ich dachte, ich hätte “bingo fuel” im Satz davor erklärt. Hab ich wohl falsch gedacht 🙁

  7. Hm, vielleicht habe ich die Erklärung als solche auch einfach nicht wahrgenommen oder konnte, aus mangelndem Wissen, den Bezug nicht herstellen. Nun, es tut dem Text und der Leseerfahrung keinen großen Abbruch, von daher: Alles gut! 🙂

  8. War mir auch klar, dass das nicht gut passt, und ich mag es allgemein nicht, Begriffe zu verwenden, von denen mir klar ist, dass sie nicht jeder kennt. Nichts ist schlimmer, als Autoren, die Insider-Begriffe oder Fremdwörter benutzen, um intelligenter zu wirken. Man schreibt für die Leser, nicht für sich selbst. Aber der Begriff führte mich zu dem Sci-Fi-Hinweis, den ich an der Stelle gut fand und nicht mehr entfernen wollte, deshalb ließ ich es drin 🙂

  9. Pingback: SHORT STORY COLLAB #08: Zwielicht | Mediopathin