Short Story Collab #3: Mut

Thema für Mai : #04: “virtuelle Realität” (1. – 31. Mai)

Aprilbeiträge:

Bianca
Lucas
Steffi

Es war bereits nach 23 Uhr, als Martin den Twentyfourseven-Markt, einen Block von seiner Wohnung entfernt, betrat, “nur mal kurz Kippen holen” zu gehen. In erster Linie hatte er die dicke Luft Zuhause nicht ertragen. Seine Frau war krankhaft eifersüchtig und die harmlosen Fotos von der letzten Grillparty im Büro hatten mal wieder gereicht, um sie auf die Palme zu bringen und ihm Affären mit sämtlichen weiblichen Mitarbeitern zu unterstellen. Wenn möglich flüchtete er vor solchen Auseinandersetzungen und kehrte zurück, wenn sie sich etwas beruhigt hatte. Die heutige Flucht führte ihn in besagten Supermarkt, wo er nun geistesabwesend durch die Gänge ging, um möglichst viel Zeit totzuschlagen. Als er gerade nach einem Eis im Tiefkühlfach griff, vernahm er von vorne laute Stimmen aus dem sonst leeren Markt. Er konnte gerade noch einen Blick auf zwei Gestalten erhaschen, die sich mit Schal vor dem Gesicht und Kapuzenpulli – der eine in rot, der andere in blau – amateurhaft vermummt hatten.

Mit den Händen tief in den Taschen der Hoodies vergraben, standen die beiden vor dem Kassierer, einem älteren Herrn asiatischer Abstammung, dem sichtlich unwohl in seiner Haut war. Er brabbelte aufgebracht auf die beiden ein und gestikulierte wild.
“Halt die Klappe und rück einfach die Kohle raus”, rief einer der beiden, während sein Kumpel im blauen Kapuzenpulli sich nervös umsah. Martin duckte sich rechtzeitig hinter ein Regal, um nicht gesehen zu werden. Aus seiner geduckten Position konnte er die beiden Täter durch das Regal beobachten, bis ihm eine Bewegung in den Augenwinkeln auffielt. Er war doch nicht alleine in dem Laden.

Auf der anderen Seite des Hauptganges hockte eine junge Frau, sichtlich eingeschüchtert und verängstigt, mit dem Rücken an ein Chipsregal gekauert. Sie schien ihn nicht bemerkt zu haben und schaute apathisch auf das Regal gegenüber. “So lange wir unten bleiben und still sind, ist alles gut”, redete er sich leise zu, während er erneut zum Tresen lugte. Der rote Pulli war mittlerweile verschwunden, ebenso der Kassierer. Martin vermutete die beiden im Hinterzimmer, auf der Suche nach einem Tresor oder ähnlichem. Der blaue Pulli stand weiterhin vor der Kasse und sah sich immer wieder nervös um.

“Den Typen könnte ich ohne Probleme überwältigen”, dachte Martin. “Und wenn dann der andere aus dem Hinterraum kommt, kann ich ihm auflauern.” Er spann den Gedanken weiter, bis er sich sicher war, jedes erdenkliche Szenario durchgegangen zu sein. Mit Adrenalin vermischte Zuversicht pumpte durch seinen Körper, er sah sich schon in den Lokalnachrichten als Helden gefeiert werden. Ein leises Wimmern riss ihn aus den Gedanken. Die Frau einen Gang weiter hatte er fast vergessen. Plötzlich war er sich nicht mehr so sicher, ob sein Plan so durchdacht war. Wenn etwas schief ging? Wenn die beiden wirklich Schusswaffen bei sich trugen und unerwartet losschießen? Er würde nicht nur sich selbst in Gefahr bringen. Er hatte das Gefühl, seit Minuten die Luft angehalten zu haben; er atmete tief durch, ließ die Anspannung aus seinem Körper weichen und sich zurück gen Boden sinken. Er wartete ein paar Minuten, bis nichts mehr zu hören war, sah hinter seinem Regal hervor, ob die Luft rein war und ging zu der Frau ihm gegenüber rüber, um zu sehen, ob sie okay war. Dann sah er vorne nach dem Kassierer und fand ihn im Raum hinter der Kasse bewusstlos am Boden liegen. Martin zückte sein Handy, verständigte die Polizei und half dem alten Mann auf, der langsam wieder zu sich kam. Minuten später waren Sirenen zu hören und eine Stunde später war er endlich auf dem Heimweg. Ohne Zigaretten.

Am nächsten Tag war sein Foto nicht in den Nachrichten zu sehen, dafür waren sie aber auch alle unversehrt und das war gut so. Seiner Frau erzählte er nichts und die Beschimpfungen, die er sich wegen seiner langen Abwesenheit mitten in der Nacht anhören musste, ließ er still über sich ergehen.

5 comments

  1. Wirklich schöne Kurzgeschichte! Gefällt mir sehr gut, so wie die anderen von dir!
    Du bist einer der wenigen die ich nahtlos lesen kann, du schreibst so flüssig, dass man gar nicht aufhören will und sich immer wieder dabei ertappt wie man sich in deinen Worten verliert

    • Dawww :3

      War mit dem Ende nicht zufrieden, wollte da noch was anfügen, aber irgendwie ging es nicht so recht.

    • @Lin: Danke. Und: schön geschrieben 🙂

      PS: das ß in deinem Blog sieht komisch aus, vielleicht wäre ein anderer Font besser?

    • @David: danke :). Ja, habe ich gesehen, konnte mich nur noch nicht für eine Font entscheiden, zu viel Auswahl :D.