Short Story Collab #02 – Zeitreisen

Zeitreisen sind doof, wer hat sich dieses Thema bloß ausgedacht? Hätte ich eine Zeitmaschine, reiste ich nun 4 Wochen zurück und hinderte mein früheres Ich daran, dieses Thema zu nehmen. Aber es gab doch ein paar Teilnehmer und das freut mich. Ich selbst habe mich sehr schwer getan und auf Papier gut ein Dutzend Entwürfe angefangen in alle möglichen Richtungen. Da gab es politische-Zeitreise-Dystopien, wo böse Leute aus der Zukunft in der Vergangenheit Menschen ermorden, um ihre Macht zu festigen, es gab eine Heist-Story, die aufgegeben wurde, weil das Thema zu komplex für eine Kurzgeschichte schien… die Geschichte, die es nun geworden ist, ist irgendwie ähnlich der letzten von mir und das ärgert mich. Ich wäre gerne vielseitiger und würde komplett unterschiedliche Geschichten schreiben, aber ich bin einfach nicht gut in das Thema reingekommen und habe dann das erste niedergeschrieben, was in meinem Kopf zumindest teilweise von vorne bis hinten Sinn ergab. Am Ende lief mir auch die Zeit (pun intended) davon.

Thema für April : #03: “Mut” (1. – 30. April)

(Ihr dürft auch gerne immer noch weitere Themenvorschläge machen und Kritik äußern, ob ihr lieber konkretere Themen hättet)

Andere Teilnehmer:

Märzbeiträge:
Bianca
Torsten
SpielerDrei
Lucas
Linda

Doctor Who Blink

Mein Beitrag zum Thema Zeitreisen:

Patrick war 24, als er entdeckte, dass er durch die Zeit reisen konnte. Nicht gezielt, nicht mit einer Maschine oder so, nein, er konnte es einfach. Wobei “machen” das bessere Verb wäre. Er machte es einfach. Kontrollieren konnte er es nicht, es geschah von allein, auch wenn er mittlerweile – er war nun Mitte 30 – ziemlich gut vorhersagen konnte, wann es geschehen würde. Nur über das “Wohin” (oder eher “wann”? Die menschliche Sprache eignet aus naheliegenden Gründen besser zur Beschreibung örtlicher, denn zeitlicher, Reisen) wusste er fast nichts zu sagen, bis er dort ankam. Außer, dass die Abstände mit jedem Mal größer wurden und auch der Aufenthalt in der fremden Zeit war jedes Mal ein wenig länger. Doch egal wie lange er sich in der fremden Zeit aufhielt, eins war gewiss: am Ende zog ihn eine unsichtbare Kraft zurück in seine eigene Zeit.

Zuerst waren die Sprünge – so empfand er das abrupte und desorientierende Wechseln der Zeit, in der er sich befand – nur Sekunden lang und, Hypochonder der er war, glaubte er sofort, er leide unter irgendwelchen Aussetzern, dass etwas in seinem Hirn nicht stimmen würde oder so. Doch bei jedem weiteren Mal hielt er sich länger in der “falschen” Zeit auf und die kurzen, surrealen Passagen wichen Gewissheit. Das waren keine Flashbacks oder Träume, das waren echte, wahrhaftige Reisen. Ob er in die Zukunft oder in die Vergangenheit reiste, war dabei ebenso willkürlich, wie es der Zeitpunkt des Sprunges selbst war. Er fürchtete sich vor dem Moment, an dem er für immer in einer fremden Zeit bleiben würde, ohne in die ihm gewohnte Umgebung zurückkehren zu können. Dies war einer der Gründe, warum Patrick zurückgezogen lebte und gerne für sich blieb. Seine ehemaligen Schulfreunde hatten alle Familien, doch er konnte das nicht. Er dachte oft darüber nach, wie es wohl wäre, ein normales Leben zu führen; Partner, Kinder vielleicht, ein Haus in einem Vorort, gemeinsam alt werden… doch seine bisherigen Beziehungen scheiterten schon im Anfangsstadium, weil er sich nie ganz auf eine Bindung einlassen konnte, immer die Angst im Hinterkopf, nicht zu wissen, wann er das nächste Mal verschwand und wann er vielleicht gar nicht mehr zurückkehren würde. Das konnte und wollte er niemandem antun. Sein eigener Vater hatte die Familie früh im Stich gelassen, aber wenigstens hatte er stets die Gewissheit, die Person besuchen zu können, wenn er das gewollt hätte. Sie existierte. Im Hier und Jetzt. Wie schrecklich das sein musste, wenn ein Vater oder Ehemann plötzlich spurlos verschwand und nie wieder kehrte, konnte er sich kaum ausmalen. Nur, dass er das niemandem antun konnte, stand für ihn fest. Und über seinen Zustand erzählen konnte er natürlich auch niemandem. Er würde sich ja selbst nicht glauben. Also blieb er so gut es ging für sich allein, auch einen normalen Job auszuüben hatte er mittlerweile aufgegeben, dank seiner Reisen war er glücklicherweise finanziell abgesichert. Die naive Idee des “in die Vergangenheit reisen und bekannte Lottozahlen tippen” eignete sich eher für kontrollierte Zeitreisen mit Autos oder blauen Telefonzellen, aber auch er konnte Wissen aus einer Zeit in einer anderen nutzen; und es brauchte ja nur einen Glücksfall, damit er ausgesorgt hatte. Bei ihm kam dieser Glücksfall in Form eines Zeitsprungs ins Jahr 1990. Eine kleine IT-Firma, die 20 Jahre später zu einem milliardenschweren Imperium herangewachsen sein würde, hatte erst ein paar Monate zuvor seinen Börsengang gehabt, der zu der Zeit allerdings kaum Beachtung fand. Auf so einen Moment hatte er bereits gewartet, also war er vorbereitet. Er kaufte für sein gesamtes Geld Aktien und verpfändete zusätzlich noch, was er bei sich trug. Die Aktien deponierte er in einem Bankschließfach, 20 Jahre später besaß er ein kleines Vermögen. Das nutzte er, um sich komplett abzuschotten. Er kaufte sich ein kleines Haus in den Bergen und brach sämtliche Brücken zur Zivilisation ab. Menschliche Interaktionen beschränkten sich in der Gegenwart auf Einkäufe und andere Notwendigkeiten. Anders auf seinen Reisen. Auch wenn er sich schlecht deshalb fühlte, hatte er hier keine Hemmungen, andere Menschen in sein Leben zu lassen; trotz der Gewissheit, schon bald spurlos vom Erdboden zu verschwinden. Patricks letzte Reise vor 2 Wochen führte ihn ins Jahr 2005, wo er 4 Monate in New York verbrachte.

17. August 2014
Patrick steht Zuhause in seiner Küche und schneidet Gemüse, während das Nudelwasser vor sich hin kocht. Er setzt das Messer an, lässt es gekonnt auf eine wehrlose Paprika niedersausen, blinzelt und…

…steht mit einem Mal im Central Park in New York. Er war noch nie in den USA, aber der Park und die umliegenden Häuser waren unverkennbar. Intuitiv hält er im Vorbeigehen nach einer Zeitung in einer der Mülltonnen Ausschau. Das Datum oben in der Ecke sagt ihm: es ist der 2. Mai 2005. Erleichtert entdeckte er eine Parkbank, ließ sich fallen und wartete mit geschlossenen Augen ab, bis die Orientierungslosigkeit abklang. Anschließend das übliche Prozedere: zuerst eine Unterkunft suchen und dann mit der Umgebung vertraut machen. Erfahrungsgemäß würde er mehrere Wochen in dieser Zeit verbringen werden, zum Glück trug er Geld und Kreditkarte so gut wie immer am Körper. Nur Kleidung würde er kaufen müssen. Nach dem Weg fragen musste er nicht, die Gegend war voll mit Hotels und so machte er sich auf gut Glück auf den Weg. Nachdem ein Hotel gefunden war, schlenderte er durch die Straßen, um die Gegend zu erkunden. In einem Café sah er sie dann sitzen. Dunkles, schulterlanges Haar, porzelanweiße Haut – so saß sie am Fenster und er konnte nicht anders, als das Café zu betreten. Er bestellte einen Kaffee und setzte sich in die gegenüberliegende Ecke, um verstohlen zu ihr hinüberblicken zu können. Aber er hätte sie auch anstarren können, so vertieft war sie in ihr Buch, sie hätte nichts bemerkt. Fasziniert beobachtete er sie, beobachtete, wie sich ihre Gesichtszüge passend zu den Sätzen, die sie las, veränderten. Welches Buch sie wohl gerade las? Als sie aufstand und ging, war sein Kaffee kalt und noch nicht angerührt. Die nächsten Wochen ging er immer wieder in das Café, sie sah er 3 Mal wieder, 2 Mal trafen sich ihre Blicke, angesprochen hatte er sie nie. Als er wieder in der Gegenwart ankam, bereute er die verpasste Chance, war aber auch erleichtert, da er ja eh nicht in der Zeit hätte bleiben können. Er überlegte kurz, nach ihr im hier und jetzt zu suchen, doch gab den Gedanken kurz darauf als Hirngespinst auf. Nicht lange, und sein einsamer Alltagstrott war wieder eingekehrt.

2. November 2014
Während die Sprünge häufiger wurden, verlor die Gegenwart immer mehr an Bedeutung für Patrick. Sie war wie ein Zwischenstopp auf einer Reise. Man war nicht Zuhause, man war aber auch noch nicht am Ziel. Stattdessen wartete man ungeduldig, dass es weiterging. Patrick sollte nicht lange warten. Mitte November sprang er erneut; dieses Mal in die Zukunft.

12. Februar 2026
Deutschland. Er war schon lange nicht mehr in Deutschland. Dieses Mal verschlug es ihn nach Hamburg. Eigentlich gab es keinen Grund, an einem Ort zu bleiben, das war eine alte Angewohnheit von ihm, als die Sprünge noch nur ein paar Stunden oder wenige Tage dauerten. Er könnte sich in ein Flugzeug setzen und in ein paar Stunden Zuhause sein. Doch etwas in ihm sträubte sich dagegen, seinen Wohnort in der Zukunft zu besichtigen. Was, wenn er gesehen wurde? Was, wenn er sich selbst sah? Oder einen Einblick in sein Leben, in seine Zukunft. Was, wenn er in dieser Zeit tot war? Wollte er das wissen? Und Fliegen war ihm auch nicht geheuer. Wer weiß was passierte, wenn er in Kontrollen geriet? Und wie ein Zeitsprung aus 10.000 Metern Höhe aussah, wollte er auch nicht zwingend erfahren. Zwei Monate blieb er in Hamburg, fuhr zwischendurch mit einem Mietwagen ans Meer, blieb aber immer in der Gegend. Nach einem weiten Monat fiel dem Zeitreisenden die Decke auf den Kopf und schließlich wagte er es, den Flughafen aufzusuchen. Während er zu seinem Sitz ging und sein Blick über die Reihen schweifte, blieb sein Blick auf dem Rücken einer Dame hängenblieb, die gerade umständlich ihren Koffer zu verstauen versuchte. Gerade als er einschreiten wollte, griff ihr Sitznachbar helfend ein, was ihn mit halb ausgestrecktem Arm und zu einem “Kann ich Ihnen helfen?”-geöffnetem Mund zurückließ. Schnell sammelte er sich, aber nicht schnell genug, um nicht von ihr bemerkt zu werden, während er sich umständlich an ihr vorbei zu seinem Platz zwängte. Als er endlich ein paar Reihen weiter auf der anderen Seite des Ganges Platz genommen hatte, trafen sich ihre Blicke, während sie sich zu ihm umdrehte. Ein zaghaftes Lächeln blitze kurz auf, bis sie ihren Kopf wieder in Richtung Cockpit wandte. Für einen Augenblick dachte er, einen Anflug von Verwirrung in ihrem Gesicht erkannt zu haben und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er kannte sie. Er kannte sie und er wusste auch ganz genau, woher. Zu behaupten, sie habe sich in den 20 Jahren nicht verändert, wäre gelogen, aber das Gesicht würde er auch in weiteren 20 Jahren noch erkennen. Er hatte keine Ahnung, wie er sie ansprechen sollte, trotzdem war er im Begriff, aufzustehen und zu ihr zu gehen, als die Stewardess den Passagieren zu verstehen gab, sie sollen sich nun in Vorbereitung auf den Start setzen und anschnallen. Nervös wartete er die Erklärung, wo welche Notausgänge waren und wie er Schwimmwesten anzuziehen hatte ab, doch als es gerade wieder erlaubt war, den Gurt zu lösen…

… befand er sich plötzlich in seinem Garten wieder. Oder besser, über seinem Garten. Der Pool bremste seinen Fall zum Glück. Fluchend und nass bis auf die Knochen stapfte Patrick in sein Haus. Zwei zeitsprungfreie Monate später stand sein Entschluss fest. Das kann kein Zufall gewesen sein. Er buchte einen Flug, auch wenn ihm etwas mulmig dabei war, und flog nach New York. Als er endlich ankam, checkte er im selben Hotel ein, in dem er 10 Jahre in der Vergangenheit gewohnt hatte, dann machte er sich auf die Suche. Das Café gab es noch und es sah genau so aus wie früher. Er bestellte sich einen Kaffee, setzte sich in die Ecke und holte ein Buch heraus. Und dann wartete er.
Tag um Tag, Woche um Woche.
Kein Problem, dachte er.
Ich habe Zeit.

2 comments

  1. Ich hab ne Geschichte, allerdings krieg ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht rechtzeitig fertig.

    Aber so viele Teilnehmer scheints eh nicht mehr zu geben.

  2. Ist ja nicht so schlimm, oder? Also beides. Kannst das auch nachreichen und die Anzahl der Teilnehmer finde ich jetzt nicht so wichtig.