
Nachdem Roland Emmerich mit 10.000 B.C. auf das Niveau eines Dr. Uwe Boll gefallen war (zumindest für mich), versucht er mit einer Kopie von Day After Tommorow/The Core, sich wieder als deutscher Michael Bay zu behaupten. Dazu greift er in 2012 auf jedes noch so abgedroschene Klischee zurück, damit dem Zuschauer nicht auffällt, dass fast alle seine Filme exakt das gleiche Schema haben. Da wäre die unwissende Regierung und der unbekannte Wissenschaftler/Buchautor/Zivilist/whatever, der die Welt auf die bevorstehende Bedrohung hinweisen muss, die keiner gesehen hat. Dann finden sich natürlich noch einige Paare im Angesicht des drohenden Weltendes und geschiedene Paare finden dank kürzlich verstorbener Lebenspartner auch wieder zusammen, weil sie während der größten Gefahr ihr wahres, heldenhaftes Gesicht offenbaren.
Die große Gefahr ist hier der Weltuntergang, wie er angeblich vor langer Zeit schon von den Maya vorhergesagt wurde. Im Klartext heißt das: ein Volk – barbarisch wie die Maya – das sich selbst zu Grunde gerichtet hat, hat irgendwo einen Kalender liegen lassen, der zufällig nur bis ins Jahr 2012 vordatiert wurde. Statt sich zu wundern, warum die überhaupt Kalender bis so weit in die Zukunft hin entworfen haben, nehmen ein paar Fanatiker das zum Anlass, zu behaupten, die Erde müsse nun an diesem Datum untergehen. Roland Emmerich ist einer dieser Fanatiker und denkt das leider nicht nur still für sich, sondern beglückt uns mit einem ganz tollen Film darüber. Einem Film, der ausschließlich aus Special Effects besteht. Fast drei Stunden Explosionen, Flugzeugabstürze, untergehende Kontinentalplatten, mehr Explosionen, Tsunamis, mehr Tsunamis und gigantischen Archen, die in kürzester Zeit von unwissenden chinesischen Arbeitern gebaut wurden. (Chinesen sind ja so leichtgläubig, bauen einfach Archen für die bösen Kapitalisten und stören sich nicht dran, dass sie selbst nicht drauf dürfen.)
Als ein Wissenschaftler (Chiwetel Ejiofor, Officer des Order of the British Empire und bekannt aus American Gangster oder Children of Men) die Auswirkung der größten Sonnenerruption aller Zeiten (woher weiß man, dass dies die größte war?) auf den Erdkern bemerkt, reagiert der US-Präsident (Danny Glover) relativ gelassen. Binnen weniger Jahre soll sich der Erdkern soweit erhitzen, dass die Kruste instabil wird und alle Kontinente vernichtet würden. Die Bevölkerung wird im Dunkeln darüber gelassen und im Geheimen werden gigantische Archen in den chinesischen Bergen gebaut. Während Adrian zum wissenschaftlichen Berater ernannt wird, und den Plan für die Evakuierung und den Countdown bis zur Apokalypse erstellen soll, fährt der geschiedene Familienvater und erfolglose Buchautor Jackson Curtis (John Cusack) mit seinen Kindern in den Yellowstone Park und wird dadurch mitten ins Vorhaben der Regierung gezogen, die da gerade Bodenproben nimmt. Er trifft da auf den Verschwörungstheoretiker Charlie Frost (Woody Harrelson) und Adrian, der einer seiner 400 Leser ist. (Diese Zufälle…)
Charlie weiß alles, natürlich glaubt ihm aber keiner, Jackson ebenfalls nicht. Doch schon bald muss auch der erfolglose Autor (dessen einziges Buch zufällig den Weltuntergang, und wie die Menschen im Angesicht desselben ihre gute Seite offenbaren, zum Thema hat) feststellen, dass der durchgeknallte Charlie mit allem Recht hatte. Er schnappt sich also Ex-Frau, Kinder und Gordon, den Freund der Ex-Frau und flieht in einer Limousine (er ist nebenbei Chauffeur) erst vor dem Erdbeben, dass alles und jeden hinter ihm vernichtet, später dann im Wohnwagen Charlies vor dem größten Vulkanausbrauch der Menschheitsgeschichte, usw.
Mitten im Chaos des Armageddons finden sich zufällig ständig Leute, die sich kennen, so trifft Jackson auf Yuri, dessen Chauffeur er ist, der glücklicherweise über ein Flugzeug verfügt. (Charlie hatte eine Karte zu den Archen, die sind aber in China). Yuris Geliebte war Patientin bei Gordon und überhaupt scheint die Apokalypse der beste Rahmen für ein Klassentreffen zu sein. Jeder kennt sich. Selbstlos, wie die Helden nunmal sind, schnappen sie sich einen riesigen, russischen Jet, fliegen gen China und lassen alle anderen Menschen (von denen noch einige hundert in das Flugzeug gepasst hätten) im untergehenden Las Vegas zurück. Der Sprit nach China reicht natürlich nicht (wäre ja auch zu leicht), zum Glück haben sich die Kontinentalplatten bewegt und der Ort, an dem die Archen gebaut wurden, ist mit dem letzen Tropfen Kerosin erreichbar. Puh, ohne Zufälle würde ja hier gar nichts gehen.
Jetzt haben unsere Helden leider kein Ticket und stehen noch vor der Schwierigkeit, an Bord einer der Archen zu kommen.
Es gibt noch einige Hindernisse aber wie ihr euch sicher denken konntet, wird alles gut. Die Katasrophe war doch nicht so schlimm, Afrika ist nicht untergegangen und Millionen hungernde Afrikaner nehmen nur zu gerne die reichen Europäer und Amerikaner bei sich auf, auf deren Archen sie niemals gedurft hätten.
Man weiß nicht so recht, welche Art von Geschichte Emmerich uns hier erzählen möchte. Ist es die Geschichte aus Curtis’ Buch? Die davon handelt, wie Menschen im Angesicht der Katastrophe ihre guten Seiten zeigen? Die Archen werden von Chinesen gebaut, aber weder Chinesen, noch Afrikaner, die zum Schluss die Überlebenden aufnehmen sollten, sieht man auf den Archen. Es werden (von der Präsidententochter) ausgewählte Kunstwerke gerettet, obwohl man den Platz für Menschen hätte reservieren können. Tiere werden wie es sich für eine Arche gehört mitgenommen, was später mit denen passieren soll, bleibt unklar. Adrian, der hier den moralischen Gegenpol zu der kapitalistisch denkenden Führungsriege der Amis darstellen soll, nimmt sein luxuriöses Zimmer auf der Arche nur unter Protest entgegen, weil da ja 10 Leute Platz hätten. Obwohl letztendlich mehr an Bord sind, als geplant, lässt er trotzdem außer der Präsidententochter niemanden in seine Gemächer. Zum Schluss: alle sind fröhlich. Weniger als ein Monat ist vergangen und niemand gedenkt der tausenden toten Chinesen, denen sie ihre Archen verdanken. Geschiedene Paare finden wieder zusammen und vergessen, dass der Lebenspartner erst kurz zuvor gestorben ist. Kinder, ja sogar frische Waisen, spielen glücklich mit den Hunden kürzlich verstorbener, nahe stehender Personen… alle halten sich in den Armen und freuen sich, zu leben. Wen kümmern die Milliarden Toten, wenn man selbst überlebt hat?
Das einzige, was 2012 hätte sein können, wäre ein effektgeladener erhobener moralischer Zeigefinger. Das verfehlt Emmerich vollkommen, stattdessen ist 2012 einfach nur ein effektgeladenens Nichts. Und selbst die Effekte wirken so überspitzt und übertrieben, dass sie noch nicht mal beeindrucken können.
Oh da ist er ja der lange Artikel! Und ein interessanter Aspekt, den du aufwirft von wegen Verantwortung und Psychologie. Bisherige Kritiken, die ich gelesen bzw. überflogen habe, waren von den SFX eher begeistert und dass man den Film doch ganz gut ertragen könnte.
Naja, ich finde es hängt häufig damit zusammen, welche Erwartung man an einen Film hat und wenn man einmal angefangen hat, Fehler zu finden, dann fällt einem nur umso mehr auf.
Ich überlege noch, ob ich mir das ansehen soll. Argumente dafür wären John Cusack und die große Leinwand. Dagegen wäre die deutsche Synch.
PS: Chiwetel Ejiofor kennt man als Operator aus Serenity
Serene… was?
Hab ich doch nie gesehen.
Danke für den ausführlichen Bericht. Ich glaub, ich begnüge mich damit, diesen Film dann auf Premiere, äh, Sky anzuschauen (sofern mein Abo bis dahin nicht “untergegangen” ist).
Und dass nicht die ganze Erde untergeht, ist ja klar, schließlich muss die Nachfolge-Serie 2013 auch irgendwo spielen…
Ich glaub, Emmerich wollte gar keine Geschichte erzählen, sondern einfach nur die bombastischsten Zerstörungsszenen aneinander reihen, die man sich so vorstellen kann, um Michael Bay in dem Bereich wieder etwas voraus zu sein. Solche Filme sind die Pornos der Effektgeilen. Story ist Beiwerk, es kommt auf möglichst bombastische Explosionen und sowas an. Wenn man mit dem Bewusstsein in solche Filme geht, kann man sie gewissermaßen auch genießen, finde ich.
@David: Serenity ist echt ne Bildungslücke – sollteste dir dringend ansehen! Hab die zugrunde liegende Serie “Firefly” auch dank eines Kollegen grad entdeckt und verschlinge die Folgen förmlich. “Serenity” werde ich mir danach ansehen, da der Film wohl auch die liegengelassenen Handlungsfäden zusammenführt, die nach der leider viel zu frühen Absetzung der Serie übrig geblieben sind.
@beetFreeQ: Shiny! David, you can’t stop the signal und irgendwann verfällst auch du, mhuahaha!
Also nur so nebenbei … der Maya-Kalender ist nicht “vordatiert” sondern basiert auf Tagezählen. Das mit dem Weltuntergang hat also einen ähnlichen Grund wie z.B. partyfeiernde Unix-Nerds am 13. Februar dieses Jahr.
@Yjgalla: war auch nicht so ernst gemeint, wollte das jetzt auch nicht recherchieren (i.e. in Wiki nachschlagen), hat der Emmerich ja auch nicht gemacht.
Gib doch zu, dass du dir den Film nur angeschaut hast, um dich darüber zu ärgern.
@Thomas: ja, so ist es!
Dann hat es sich ja gelohnt.