Review: Maleficent

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Filme / Filmkritiken / Review

Jede Geschichte hat mindestens zwei Seiten. Zwei Arten, auf die sie erzählt werden kann. Wir alle kennen die Geschichte um Dornröschen, oder zumindest glauben wir, sie zu kennen; Zur Geburt von Prinzessin Aurora besuchen sie drei * Feen und schenken ihr ihren Segen, doch auch die böse Malefiz (oder: Maleficent) kommt uneingeladen vorbei und verflucht das unschuldige Neugeborene. Am Tage ihres sechszehnten ** Geburtstages soll Aurora sich an einer Spindel stechen und in einen todesähnlichen Schlaf verfallen (bzw. sterben. Die dritte Fee ändert das in einen hundertjährigen Schlaf. Nicht so bei “Maleficent”). Doch warum tut Maleficent das?

MaleficentJeder – ob Held oder Bösewicht – hat eine eigene Vorgeschichte, eine Origin Story. Maleficents beginnt in einem Moor, einem abgetrennten Reich neben dem Königreich der Menschen. Die kleine Maleficent ist eine nette Fee und wird von allen geliebt. Trotz ihres Alters ist sie schon die mächtigste Fee im Reich und auch wenn es im Moor keine Könige gibt, schauen alle Fabelwesen zu ihr auf, nicht nur, wenn sie jeden Morgen quer über das ganze Reich fliegt. So wird sie auch gerufen, als die Grenzen des Reiches von einem Menschen überschritten werden. Die scheinbare Bedrohung entpuppt sich als ein abenteuerlustiger Farmersjunge, der in den geheimen Schätzen des Moors eine Möglichkeit sieht, seinem Farmersleben zu entkommen und im Schloss zu wohnen. Zwischen dem ungleichen Paar entsteht eine enge Freundschaft und – als sie älter werden – mehr, besiegelt durch “wahrer Liebe ersten Kuss”. Doch den Jungen zieht es ständig zum Schloss und irgendwann erscheint er gar nicht mehr.

Einige Zeit später eskaliert der stille Konflikt zwischen den beiden Reichen erneut und der herrschende König zieht in die offene Schlacht gegen das Moor, nur um direkt von Maleficent und den anderen Fabelwesen in die Flucht geschlagen zu werden. Auf seinem Totenbett verspricht der König demjenigen, der ihm Maleficents Kopf bringt, den Thron. Kurz darauf hat das Reich einen neuen König, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Fabelreich endgültig zu zerstören. Nicht lange nach seiner Krönung wird er Vater eines kleinen Mädchens namens Aurora. Es folgt die Geschichte, wie wir sie kennen. Beziehungsweise wie wir sie aus dem alten Disney-Film kennen. Aurora wird von Maleficent verflucht und anschließend in Sicherheit von den drei Feen aufgezogen, fernab des Königreiches, wo ihr Vater mehr und mehr von dem Wunsch, Maleficent zu töten, zerfressen wird. Die verschanzt sich in ihrem Reich hinter einer undurchdringbaren Wand aus Dornen. Als Auroras sechszehnter Geburtstag naht, sind die Grenzen, wer hier nun der Held der Geschichte, und wer der Bösewicht ist, längst verschwommen.

Disneys Maleficent ist ein modernes Märchen und eine Neuinterpretation der eigenen Dornröschen-Geschichte, die sich komplett um Angelina Jolie als Maleficent dreht. Um aus Maleficent einen Bösewicht zu machen, für den man als Zuschauer sympathisiert, wurde die Geschichte an einigen Stellen so weit umgebogen, dass sie nicht immer Sinn ergibt. Wer nennt seine nette, kleine, liebe Feentocher “Maleficent” (“bösartig”)? Maleficent wünscht sich nie den Tod Auroras, sie wünscht von Anfang an nur den Schlaf des Mädchens, weshalb die dritte Fee einen unverbrauchten Wunsch hat. Der fällt in dem Film aber irgendwie unter den Tisch. Wieso gehen die Feen überhaupt zur Geburt des Kindes ihres Erzfeindes, der sie zerstören möchte? Maleficents Geschichte wurde hier und da geändert, damit sie nicht durch und durch böse erscheint, manchmal ohne Rücksicht darauf, wie sich das auf die Logik der Gesamtgeschichte auswirkt. Aber: Maleficent ist ein schön umgesetztes, unterhaltsames Märchen mit einer unglaublich guten Angelina Jolie in tollem Kostüm und Make-Up. Auf jeden Fall sehenswert, wenn man Märchen oder Angelina Jolie mag.

Apropos “Märchen”: habt ihr nicht Lust, mal ein eigenes Märchen zu schreiben?

* bei den Gebrüdern Grimm 12
** bei den Gebrüdern Grimm 15

Short Story Collab #4: virtuelle Realität

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SSC / Writing

Thema für Juni : #05: “Märchen” (1. – 30. Juni)

Maibeiträge:

- Linda

(Es war spät und ich hab es mir vor Veröffentlichung nicht noch mal durchgelesen, das werde ich morgen nachholen, haltet euch also mit der Kritik zurück :) )
7:30 Uhr, der Wecker klingelt. Wie jeden Morgen steht Susan auf, springt unter die Dusche und macht im Anschluss Frühstück für sich und ihre beiden Töchter. Ihr Mann Robert war vor 2 Jahren gestorben. Autounfall. Auf dem Weg zur Arbeit. Susan hatte sich bis heute nicht an die Stille im Haus gewöhnt. Andere würden sich vielleicht über ruhige Kinder freuen, sie wünschte sich oft, dass ihre Kinder lebhafter wären. Generell erschien ihr das Leben oft eintönig, ereignislos, fast deprimierend. Aber so durfte sie nicht denken, sie musste für ihre Kinder da sein. Kinder! Die hatte sie fast vergessen. “Elly! Emma! Aufwachen! Frühstück ist fertig. Ihr kommt zu spät zur Schule.”
“Sind ja schon wach”, kam es gedämpft aus dem Kinderzimmer. Susan ging runter in die Küche, schaltete den Fernseher ein und packte die Schulranzen der beiden, während im TV irgendeine Doku über Schneefüchse lief, die sie gefühlt schon mehrere Dutzend Mal gesehen hatte. Sie packte den beiden Essen ein und beobachtete sie, während sie still ihr Müsli in sich hineinschoben. “Sie werden so schnell groß”, dachte sie bei sich. War das wirklich ihr Gedanke? Wurden sie schnell groß? Manchmal kam Susan die Welt wie im Stillstand vor, eingefroren. Wären da nicht Ereignisse wie der Tod ihres Mannes vor zwei Jahren. “Waren das wirklich erst zwei Jahre?” Es kam ihr länger vor, aber das konnte nicht stimmen. Oder doch? Sie riss sich aus ihren Gedanken hoch und schaute auf die Uhr. “Seid ihr fertig? Wir sind spät dran, ihr kommt zu spät zur Schule.”
“Jaja, wir machen ja schon.”
Kurz darauf ging sie zusammen mit den beiden die lange Straße der ruhigen Wohnsiedlung entlang, in der sie lebten. Hunderte identische Häuser mit Vorgärten. Vorort-Idylle. Auf dem Rasen neben dem viel zu sauberen Bürgersteig sah sie ein Kaninchen im Gras sitzen, bedächtig vor sich hin mümmelnd. Für manche das Paradies, sie würde lieber in der Stadt wohnen, aber für die Kinder war es besser so. Verbrechen oder Unfälle gab es hier keine. Stattdessen langweilige Grillpartys mit den ebenso langweiligen Nachbarn. Drei identische Blöcke weiter standen sie schon vor der Schule, wo zahlreiche Mütter ebenfalls ihre Kinder ablieferten. Mit zwei Küssen verabschiedete sie ihre Töchter in die Lehranstalt und kehrte um, nicht ohne ein paar der anderen Eltern, zuzunicken, unsicher, ob deren Kinder mit einer ihrer Töchter in dieselbe Klasse gingen. Irgendwie sahen hier alle gleich aus.
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Pixar’s Rules of Storytelling

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Writing

Schon was älter, aber ich poste das hier mal, damit ich es nicht wieder aus den Augen verliere.

Pixar's rules of storytelling

Ich habe gerade wieder das Finale der zweiten Staffel Sherlock gesehen, wie viel diese Serie – und viele andere – eigentlich falsch machen. Punkt 7 zum Beispiel “Come up with your ending before you figure out your middle. Seriously. Endings are hard, get yours working up front.” ist etwas, was Moffat überhaupt nicht macht.

Oder ganz wichtig: Punkt 16. “Coincidences to get characters into trouble are great; coincidences to get them out of it are cheating.” Bei Moffat passiert eigentlich alles nur durch Zufall und nichts muss erklärt werden. Charakter X stirbt und ist plötzlich doch wieder da? Muss man nicht erklären. Y ist in einer lebensbedrohlichen Situation? Egal, irgendein zufällies Deus Ex Machina wird ihn schon retten. Ging mir auch ähnlich, als ich zuletzt “Jack Ryan: Shadow Recruit” (oder jeden x-beliebigen anderen Spion/Heist-Movie) sah: so ziemlich alles funktioniert dort nur zufällig und weil alle Ereignisse sich ganz zufällig so ergeben, wie es für den Protagonisten am besten ist. Das stört mich ganz besonders an fast allen Heist-Movies, wenn der Held nur ans Ziel kommen kann, wenn 32 Ereignisse alle genau nach Plan ablaufen und natürlich ist das auch ganz zufällig so und am Ende ist das Passwort des sichersten Computers der Welt dann noch der Titel des Buches, das direkt neben dem PC steht. Sowas langweilt mich einfach und jeder macht immer wieder die selben Fehler. Dabei sind es nicht mal “Fehler” in dem Sinn, sondern einfach Faulheit. Also, liebe angehende Autoren: gebt euch ein bisschen mehr Mühe. Und denkt an die Worte George R. R. Martins: “”We’ve all seen the movies where the hero is in trouble — he’s surrounded by 20 people, but you know he’s gonna get away ’cause he’s the hero. You don’t really feel any fear for him. I want my readers, and i want viewers to be afraid when my characters are in danger, I want them to be afraid to turn the next page because the next character may not survive it.”

Denn wenn man weiß, was bei einer Geschichte passieren wird, hat man keinen Grund, sie zu lesen/anzuschauen.

#ausmistyourlife

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allgemein

Minimalist Mantra

Ich habe zu viel Kram. Das weiß ich nicht erst seit heute. Zu viel Kram, den ich anhäufe, sammle, niemals brauche. Bei Umzügen habe ich mich immer wieder von Gegenständen getrennt, dennoch hab ich viel zu viel. Bei meinem letzten Umzug belegten Bücher und DVDs die Hälfte meiner Umzugskartons. Muss das sein? Von Büchern habe ich mich größtenteils getrennt, ich habe einen kindle. Für mich selbst habe ich die Regel aufgestellt, mich von allem zu trennen, das nicht in eine der folgenden Kategorien fällt.

a) brauche ich es regelmäßig? Werde ich es jemals wieder gucken/lesen/benutzen?
b) hat es einen hohen, emotionalen Wert für mich? (Man darf auch unpraktische Dinge aufbewahren)
c) ist es wichtig oder wertvoll oder könnte es mal werden?

Auch hier muss man immer abwägen. Menschen zum Beispiel, die Spielzeug für ihre eigenen Kinder später 30 Jahre oder länger aufbewahren, damit man es später nicht neu kaufen muss… finanziell gesehen ist das meistens Quatsch. Ich habe jetzt mehre Monate viele Dinge von mir zwischengelagert und bin dann mit ihnen umgezogen. Finanziell wäre ich günstiger weggekommen, hätte ich alles verscherbelt und neu gekauft. (IKEA-Möbel einzulagern lohnt sich so gut wie nie, wenn man dann noch in eine andere Stadt zieht, zahlt man wahrscheinlich noch drauf.)

DVDs kaufe ich oft, einfach, weil ich den Film mal sehen will. Zum einmaligen Gucken. Warum soll ich die aufbewahren? Bei Büchern dasselbe. Klar gibt es die 2-3 Bücher, die ich öfters lese, aber man weiß bei Büchern sehr genau, wenn man sie nie wieder anfassen wird. Und dann nehmen sie nur Platz weg. Filme kann man mittlerweile auch gut “on demand” schauen, auch die muss man sich nicht ins Regal stellen. Warum macht man das? Um Besuch zu beeindrucken? Das ist mir nun wirklich egal.

Nach eifriger Überlegung komme ich vorerst auf folgende Dinge, von denen ich mich trennen möchte: (Fotos und Details folgen). Schaut am besten regelmäßig vorbei, da kommt bestimmt noch was dazu.

(nur damit man sieht, um welche Versionen es geht. Die Konsolen sind natürlich auch drin und voll funktionstüchtig, inkl. allem Zubehör)
20140511_181126

20140511_181150
Wii (die hier. Natürlich inkl. Originalverpackung und allem Zubehör)

PS3 Slim 250GB (reserviert)
Elgato Game Capture HD
Google Chromecast

und von folgenden DVDs (sehr guter Zustand, teilweise auch noch eingeschweißt)

null

Appaloosa
King Arthur
Departed – Unter Feinden
Aviator
The Warlords (Jet Li)
Flyboys – Helden der Lüfte
Snakes on a Plane (Steelbook mit Magneten)
Hotel Ruanda
Identität
Into the Blue
Zatoichi – der blinde Samurai (reserviert)
Alpha Dog
Königreich der Himmel
16 Blocks (Steelbook)
Protegé
King Kong (der von Peter Jackson)
Sherlock Holmes (der mit Robert Downey Jr.)
No Country For Old Men
8 Blickwinkel
Peter Pan (mit Jason Isaacs aus Harry Potter)
Gwyn – Prinzessin der Diebe (mit Keira Knightley)
Dead Space – Downfall
American Gangster
Alatriste (mit Viggo Mortensen)
Cypher (Cube-Nachfolger)
Die Mumie – das Vermächtnis des Drachenkaisers
Nie wieder Sex mit der Ex (mit Jason Segel(Marshall aus HIMYM)
Der Ghostwriter (Steelbook. Mit Ewan McGregor)
Narnia – der König von Narnia (im Pappschuber)
Azumi – die furchtlose Kriegerin
House of Fury
Kill Zone
Die Tiefseetaucher (von Wes Anderson, Regisseur von Grand Budapest Hotel)
Prison on Fire I + II (Pappschuber, eingeschweißt)
Red Cliff (eingeschweißt)
Jackie Chan – Stadt der Gewalt
Irgendwann in Mexico
Duelist
Bottle Shock (mit Alan Rickman und Chris Pine)
Operation: Kingdom
Jackie Chan Master Edition (Pappschuber. Eingeschweißt)
WuJI – die Reiter der Winde (TV-Movie DVD)
Rush Hour 2
Jackie Chan – die Schlange im Schatten des Adlers
Letters From Iwo Jima
Flags of our Fathers
Tristan & Isolde (mit James Franco)
Gullivers Reisen (mit Jack Black, Emily Blunt, Jason Segel, Catherine Tate und Chris O’Dowd)
Der Name der Rose
Code 46 (Pappschuber, eingeschweißt)
Blood Diamond
Dragon Wars
The Veteran
Transformers (Pappschuber)
Bittersweet Life (Steelbook)
Skinwalkers (Steelbook)
Der Ja-Sager (mit Zooey Deschanel!!!)
Be Cool (Steelbook)
Der Nebel (Steelbook)
Superman Returns (Steelbook)
Rush Hour 3
Hangover (eingeschweißt)
Goyas Geister (Natalie Portman!!!!)
Hitman
The Korean Job (Pappschuber, eingeschweißt)
Smokin’ Aces (Steelbook)

Bei Interesse: Kommentar hier oder Mail an zeugs@captain-obvious.de
Ich hab’s nur schon mal wegen der Filmliste veröffentlicht, Details zum Rest folgen. Preise überlege ich mir noch, aber wenn jemand mehrere nimmt, freut mich das natürlich und dann denke ich mir auch einen besseren Preis aus.

Short Story Collab #3: Mut

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SSC / Writing

Thema für Mai : #04: “virtuelle Realität” (1. – 31. Mai)

Aprilbeiträge:

- Bianca
- Lucas
- Steffi

Es war bereits nach 23 Uhr, als Martin den Twentyfourseven-Markt, einen Block von seiner Wohnung entfernt, betrat, “nur mal kurz Kippen holen” zu gehen. In erster Linie hatte er die dicke Luft Zuhause nicht ertragen. Seine Frau war krankhaft eifersüchtig und die harmlosen Fotos von der letzten Grillparty im Büro hatten mal wieder gereicht, um sie auf die Palme zu bringen und ihm Affären mit sämtlichen weiblichen Mitarbeitern zu unterstellen. Wenn möglich flüchtete er vor solchen Auseinandersetzungen und kehrte zurück, wenn sie sich etwas beruhigt hatte. Die heutige Flucht führte ihn in besagten Supermarkt, wo er nun geistesabwesend durch die Gänge ging, um möglichst viel Zeit totzuschlagen. Als er gerade nach einem Eis im Tiefkühlfach griff, vernahm er von vorne laute Stimmen aus dem sonst leeren Markt. Er konnte gerade noch einen Blick auf zwei Gestalten erhaschen, die sich mit Schal vor dem Gesicht und Kapuzenpulli – der eine in rot, der andere in blau – amateurhaft vermummt hatten.

Mit den Händen tief in den Taschen der Hoodies vergraben, standen die beiden vor dem Kassierer, einem älteren Herrn asiatischer Abstammung, dem sichtlich unwohl in seiner Haut war. Er brabbelte aufgebracht auf die beiden ein und gestikulierte wild.
“Halt die Klappe und rück einfach die Kohle raus”, rief einer der beiden, während sein Kumpel im blauen Kapuzenpulli sich nervös umsah. Martin duckte sich rechtzeitig hinter ein Regal, um nicht gesehen zu werden. Aus seiner geduckten Position konnte er die beiden Täter durch das Regal beobachten, bis ihm eine Bewegung in den Augenwinkeln auffielt. Er war doch nicht alleine in dem Laden.

Auf der anderen Seite des Hauptganges hockte eine junge Frau, sichtlich eingeschüchtert und verängstigt, mit dem Rücken an ein Chipsregal gekauert. Sie schien ihn nicht bemerkt zu haben und schaute apathisch auf das Regal gegenüber. “So lange wir unten bleiben und still sind, ist alles gut”, redete er sich leise zu, während er erneut zum Tresen lugte. Der rote Pulli war mittlerweile verschwunden, ebenso der Kassierer. Martin vermutete die beiden im Hinterzimmer, auf der Suche nach einem Tresor oder ähnlichem. Der blaue Pulli stand weiterhin vor der Kasse und sah sich immer wieder nervös um.

“Den Typen könnte ich ohne Probleme überwältigen”, dachte Martin. “Und wenn dann der andere aus dem Hinterraum kommt, kann ich ihm auflauern.” Er spann den Gedanken weiter, bis er sich sicher war, jedes erdenkliche Szenario durchgegangen zu sein. Mit Adrenalin vermischte Zuversicht pumpte durch seinen Körper, er sah sich schon in den Lokalnachrichten als Helden gefeiert werden. Ein leises Wimmern riss ihn aus den Gedanken. Die Frau einen Gang weiter hatte er fast vergessen. Plötzlich war er sich nicht mehr so sicher, ob sein Plan so durchdacht war. Wenn etwas schief ging? Wenn die beiden wirklich Schusswaffen bei sich trugen und unerwartet losschießen? Er würde nicht nur sich selbst in Gefahr bringen. Er hatte das Gefühl, seit Minuten die Luft angehalten zu haben; er atmete tief durch, ließ die Anspannung aus seinem Körper weichen und sich zurück gen Boden sinken. Er wartete ein paar Minuten, bis nichts mehr zu hören war, sah hinter seinem Regal hervor, ob die Luft rein war und ging zu der Frau ihm gegenüber rüber, um zu sehen, ob sie okay war. Dann sah er vorne nach dem Kassierer und fand ihn im Raum hinter der Kasse bewusstlos am Boden liegen. Martin zückte sein Handy, verständigte die Polizei und half dem alten Mann auf, der langsam wieder zu sich kam. Minuten später waren Sirenen zu hören und eine Stunde später war er endlich auf dem Heimweg. Ohne Zigaretten.

Am nächsten Tag war sein Foto nicht in den Nachrichten zu sehen, dafür waren sie aber auch alle unversehrt und das war gut so. Seiner Frau erzählte er nichts und die Beschimpfungen, die er sich wegen seiner langen Abwesenheit mitten in der Nacht anhören musste, ließ er still über sich ergehen.