Ich mache beim NaNoWriMo mit. Und ihr?

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Writing
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Letztes Jahr habe ich ihn verpasst, dieses Mal bin ich dabei. In ein paar Tagen geht er wieder los, der NaNoWriMo. Das steht für National Novel Writing Month – 30 Tage, 50.000 Wörter, eine Novel. Mitmachen kann jeder, “gewonnen” hat, wer das Ziel erreicht. Das dient in erster Linie dazu, sich selbst zum Schreiben zu motivieren und selbst wenn man in der Zeit nicht fertig wird, ist man vielleicht doch ein ganzes Stück näher an seinem (ersten) Roman. Ich werds auf jeden Fall versuchen und bin schon recht nervös deshalb. Rund 1600 Wörter am Tag, das ist schon ein bisschen was anderes als eine Kurzgeschichte pro Monat, aber noch bin ich guter Dinge. Meist liegt es ja nur an der mangelnden Disziplin und genau da hilft NaNoWriMo vielleicht, mich und andere anzuspornen.

Alle Infos zum NaNoWriMo findet ihr hier.

Short Story Collab #9: Traum

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SSC / Writing

Thema für November : #10: “tba” (1. – 30. November) (Wurde in der Facebook-Gruppe abgestimmt)

Oktoberbeiträge (Traum):

Makenshi

Was ist das überhaupt?
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Mein Beitrag zum Oktober-Thema “Traum”:

Korbin schreckte schweißgebadet hoch. Was für ein merkwürdiger Traum. Normalerweise konnte er sich nicht an Träume erinnern, aber dieser hatte sich in sein Gehirn gebrannt. Er war – scheinbar grundlos – in einem Labyrinth gefangen gewesen und musste den Ausgang suchen. An der spannendsten Stelle war er aufgewacht. Wie das eben immer war. Normalerweise gab er nicht viel auf Träume, normalerweise konnte er sich aber auch nicht so lebhaft erinnern und schon kurz nach dem Aufwachen verblassten die Bilder. Manchmal versuchte er, in einen besonders interessanten Traum zurückzufinden, aber stets ohne Erfolg. Heute war das anders. Er hatte kaum bemerkt, wie er aufgestanden war und das Haus verlassen hatte. Wie in Trance bewegte er sich durch die Stadt, in die U-Bahn, wieder raus, durch den Strom der Masse an Anzugsträgern, alle stumm nach unten auf die Straße oder ihr Handy starrend.
Er registrierte beiläufig, wie er unter all den identischen Bürogebäuden das seine fand und betrat, wie er seine Magnetkarte vor den Sensor hielt und dem Mann am Empfang zunickte. Der Mann, der ihn immer mit Namen grüßte, was ihm jedes Mal unangenehm war, da er nicht den blassesten Schimmer hatte, wie er hieß. Schlimmer noch: es interessierte ihn auch gar nicht. Während er in Gedanken noch beim Labyrinth der gestrigen nacht war, bewegte er sich schlafwandlerisch in den Aufzug. Kurz sorgte er sich, ob sein Verhalten auf andere seltsam wirken würde, aber auch im Aufzug schaute jeder auf sein Handy. Kurzes Nicken, kurzes, aufgesetztes Lächeln – “Morgen” – “Morgen!” – Kopf nach unten und alles andere abschotten. Korbin betrachtete sein Spiegelbild in der Aufzugstüre; schnell wich sein Blick zur Seite und er tat, was er sonst nie tat – er beobachtete die anderen Personen in der Spiegelung. Sie wirkten farblos, als fehlte ihnen jegliche Lebenskraft. Müde Augen blickten aus fahlen Gesichtern ins Leere oder nach unten. Er kreuzte erneut seinen eigenen Blick und stellte fest, dass er nicht anders aussah, als die Personen neben ihm. Aber seine Augen… er trat im nun halbleeren Aufzug näher an die Türe und betrachtete seine Augen. Sie unterschieden sich von denen der anderen. Seine ganze Erscheinung war fahl und farblos, doch seine Augen – in seinen Augen erkannte er ein lebendiges Flackern, ein Leuchten, wie er es noch nie gesehen hatte, bei niemandem. Oder er konnte sich nicht mehr erinnern, wie an so vieles, was länger als ein paar Tage her war. Fasziniert starrte er in seine eigenen Augen, als sähe er sie zum ersten Mal. Und vielleicht schaute er wirklich zum ersten Mal richtig hin.
43. Stock. Die Aufzugstür fuhren auseinander und Korbin schreckte zurück. Für einen Augenblick dachte er, wieder im Labyrinth zu sein und die weißen Wände zwischen den Einzelarbeitsplätzen wirkten riesig und bedrohlich auf ihn. Er blinzelte. Nein, es war alles wie immer. Eintönig und ungefährlich. Er eilte zu seinem Platz – er war schon 4 Minuten zu spät dran – links, rechts, geradeaus; sein Schritt beschleunigte sich. Er wusste nicht, wieso, seine Beine rannten los, gehorchten ihm nicht mehr. Rechts, links, links… wohin rannte er überhaupt? Er kam vor einer weißen Wand zum Stehen. Ein schrecklicher Gedanke formte sich in Korbins Kopf. Was, wenn er sich jetzt in einem Traum befand? Oder schlimmer: was, wenn nicht? Im Labyrinth hatte er sich wenigstens lebendig gefühlt, doch jede Sekunde hier schien ihm Lebenskraft zu entziehen. Er lief wieder – ohne Ziel – einfach umher. Links, links, rechts… er entdeckte ein Notausgangsschild und stürmte durch die Türe ins Treppenhaus, in eine andere Etage, doch das Labyrinth verfolgte ihn. Es war ihm aus seinen Träumen in sein Leben gefolgt und jetzt konnte er erst recht nicht mehr entkommen. Oder war es immer hier gewesen? Das Labyrinth hatte ihm die Hoffnung auf Freiheit als Motivation geboten, doch was war hier? Was war außerhalb seines Labyrinths? Er rannte wieder ins Treppenhaus und nach oben. Rechts, rechts, rechts; in seinem Kopf fing es an, sich zu drehen, doch Korbin wurde nicht langsamer. Rechts, rechts, rechts, immer weiter nach oben. Vor einer schweren Metalltüre kam er zum Stehen. Das Dach. War es sein Unterbewusstsein, das ihn hier hoch geführt hatte? Er warf sich mit der Schulter gegen die Türe, die mit einem Quietschen aufschwang. Wie lange wohl niemand mehr hier oben gewesen war? Gleißendes Tageslicht umspülte ihn, warf ihn mit zusammengekniffenen Augen zurück. Korbin kämpfte dagegen an, bewegte sich Schritt für Schritt vorwärts. Als sich seine Augen an das ungewohnte natürliche Licht angepasst hatten, vernahm er vor sich etwas, das er in all dem Grau nicht erwartet hätte: er sah eine grüne Fläche, mitten auf dem Dach. Ein kleiner, von Hand angelegter Garten. Also kam doch noch jemand hier hin. Er rannte auf den Garten zu, blieb kurz davor stehen, zog seine Schuhe aus und setzte seine Füße auf das grüne Gras, vorsichtig, als würde er langsam in eine heiße Badewanne einsteigen. Das Gras war nass und kalt und doch schickte es ein wohlig-warmes Gefühl von seinen Füßen aus durch seinen gesamten Körper. Korbin ließ sich langsam nieder, um das Gras genießen zu können, doch sein zerknitterter, farbloser Anzug schottete die Natur ab wie es die Wände des Labyrinths getan hatten. Kurzerhand zog er sich aus, bis er nur noch in Unterhose bekleidet auf dem Dach stand. Er legte sich erneut hin und spürte das Gras mit seinem gesamten Körper. Er öffnete die Augen und verfolgte die Wolken, wie sie über den blauen Himmel zogen. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich wirklich frei. “Es ist wunderschön”, flüsterte er und schloss die Augen.

Short Story Collab #8: Zwielicht

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SSC / Writing
Zwielicht über Tokyo

Thema für Oktober : #09: “Traum” (1. – 31. Oktober) (Wurde in der Facebook-Gruppe abgestimmt)

Augustbeiträge (Zwielicht):

Katta
Bibi
Franzi
Steffi

Was ist das überhaupt?
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Mein Beitrag zum August-Thema “Zwielicht”:

Im Zwielicht des endenden Tages wanderten dunkle Schatten über Korbins Gesicht, während seine eisblauen Augen ohne zu blinzeln starr geradeaus schauten. Angespannt und leicht nach vorne gebeugt wartete er auf das Untergehen der Sonne, das für ihn als Countdown fungierte. Mit dem Verlöschen des letzten Sonnenstrahls wurde ein versteckter Mechanismus in Gang gesetzt, der die fugenlose, weiße Wand vor ihm zerteilte. Eine dunkle Öffnung tat sich vor Korbin auf: das Labyrinth war offen. Er rannte los. Links, rechts, rechts, links, wieder links, gerade über die Kreuzung, dann rechts… die ersten Kilometer brauchte er nicht viel überlegen und konnte einfach rennen, doch das blieb nicht lange so. Schon die nächste Abzweigung brachte ihn in ein Gebiet, das er erst letzte Woche erkundet hatte. Das neue Areal begann westlich einer Kreuzung, von der drei Gänge abzweigten. Aus dem südlichen kam er, das Gebiet hinter dem östlichen hatte in den Wochen zuvor komplett abgelaufen. Seinen Überlegungen zufolge musste der westliche Pfad zum Ziel führen, aber wie viel Labyrinth noch zwischen der Kreuzung und dem Ziel lag, das konnte Korbin nur schätzen. Seinen Vermutungen und seiner kruden Karte zufolge musste das Labyrinth mindestens 10 Kilometer Seitenlänge haben. Falls es denn überhaupt quadratisch war. Seine gesamte Berechnung beruhte auf dem Fakt, dass ihn östlich seines Startpunktes die Wege nach rund 5 Kilometern stets wieder nach Norden oder Süden wegführten. Aber ob dort die Außenwand war oder dahinter das Labyrinth weiterging, hätte er nicht sagen können. Was war hinter dem Labyrinth? Was war der Sinn des Ganzen? Die glatten weißen, leicht fluoreszierenden Wände waren viel zu hoch, als dass er hätte irgendetwas von dahinter erkennen können und über den Sinn hatte er längst aufgehört nachzudenken. Er hatte keine Erinnerung an eine Zeit vor dem Labyrinth, er hatte keinerlei Anhaltspunkte, konnte also nur Vermutungen anstellen. Die einfachste Lösung schien es ihm zu sein, das Labyrinth zu lösen, anstatt sich in eine Ecke zu verkriechen und sich Gedanken über den Sinn zu machen. Einen einzigen Hinweis gab es aber doch. Korbin hatte ihn fast vergessen, so sehr hatte er sich bereits an den Anblick gewöhnt. Der Hinweis war ein Schild am Eingang des Labyrinths, aber wer es dort angebracht hat, konnte Korbin auch wieder nur vermuten. Auf diesem Schild standen nur zwei kurze Sätze.
– Löse das Labyrinth!
– Halte dich niemals zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang im Labyrinth auf!

Doch warum? Was bedeutete das alles? Wer war er? Zu welchem Zweck war er hier? Was war außerhalb? Gab es ein außerhalb?
Korbin ging in Gedanken die wenigen Hinweise durch und erwischte sich dabei, mal wieder nach einem Sinn zu suchen. “Konzentrier dich! Oder willst du dich am Ende noch verlaufen!”, maßregelte er sich in Gedanken. Links, rechts, rechts, links, lange geradeaus… Korbin wurde immer langsamer, musste bei jeder Biegung länger nachdenken. Seiner inneren Uhr zufolge konnte er nicht mehr weit laufen, bis er den point of no return erreicht hatte, den Punkt, an dem die Zeit und seine Kräfte gerade noch für den Rückweg reichen würden. Bingo fuel. Den Begriff kannte er aus Science-Fiction-Romanen, ohne festmachen zu können, aus welchem genau. Die Erinnerungen an sein früheres Leben waren verschwommen und schemenhaft, aber er wusste, er hatte eins. Und er würde es wieder haben. Er lief weiter. Heute würde er es schaffen. Er musste. Wieso sich weiter vormachen, das sei ihm alles gleich? Er konnte einfach nicht mehr mit der Ungewissheit leben. Er rannte und rannte. Und hielt an. Vor ihm war eine Wand, er war in eine Sackgasse gelaufen. Wie konnte das sein? Er ging die letzten Abzweigungen durch, betrachtete die Karte, die beim Laufen in seinem Kopf entstanden war. Das konnte nicht sein. Eine Sackgasse? Aber es gab keinen anderen Weg. Das konnte er einfach nicht akzeptieren. Oder hatte er etwa einen Fehler gemacht? Falls ja, würde er überhaupt zurückfinden? Panik kroch in ihm herauf, er überlegte, wie viel Zeit ihm noch blieb. Genug, um den Weg zurück zu finden? Falls seine Gedankenkarte stimmte, dann schon. Aber was, wenn nicht? Er lief zurück, schaute in alle Abzweigungen, an denen er vorbeikam – nein, es stimmte alles. Aber das hieß… den Tränen nah ließ er sich zu Boden sinken. Das hieß, es gab keinen Ausgang? Ein Labyrinth ohne Lösung? Aber warum? Zu welchem Zweck? Er verstand es einfach nicht, er wollte es auch gar nicht verstehen. Wochen seines Lebens, verschwendet in den weißen Wänden des Labyrinths, das einfach nur da war. Ohne Sinn und Zweck. Erschöpft streckte er sich ganz auf dem Boden aus, die Wand in seinem Blickfeld hoch hinauf ragend, ihn fast schon höhnisch von oben herab betrachtend. Wäre der Wand ein Mund gewachsen, mit dem sie ihn ausgelacht hätte, er hätte sich nicht stärker verhöhnt fühlen können. Die Kälte des Bodens schlich ihm in die Knochen, während er müde und regungslos nur dort lag. Erschöpft betrachtete er den Himmel, sah, wie die Sterne verblassten. Mit einem Lächeln betrachtete er das Labyrinth, zum ersten Mal nicht nachts, sondern im Zwielicht des beginnenden Tages.
“Es ist wunderschön”, flüsterte er und schloss die Augen.

Short Story Collab #7: Krimi

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SSC / Writing
crimescene

Thema für September : #08: “Zwielicht” (1. – 30. September)

Augustbeiträge (Krimi):

Steffi
meritseto

Was ist das überhaupt?
Alle bisherigen Beiträge.

Mein Beitrag zum August-Thema “Krimi”:

Es war eine kalte und regnerische Herbstnacht. Die Laternen und Leuchtreklamen spiegelten sich verschwommen in den Pfützen wider. Mike stand an seiner Zigarette ziehend in seinem durchnässten Trenchcoat an der Straßenecke und versuchte auf sein Handy zu schauen, ohne es komplett unter Wasser zu setzen. “Wo bleibt er, verdammt?” Mike wurde mal wieder ein neuer Kollege zugewiesen. Er wusste, dass es seinem Image nicht gerade half und ihn noch mehr wie ein wandelndes Klischee wirken ließ, aber er blieb standhaft: er arbeitete am besten alleine. Und jetzt wurde ihm schon wieder so ein Grünschnabel zugeteilt. “Alex Smith”, der Name klang schon jung und unerfahren. Angeblich hatte der Junge Empfehlungen von jedem, der Rang und Namen hatte, Spitzennoten, einen Abschluss in Psychologie, Physik und Informatik, sprach 4 Fremdsprachen fließend und war, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, gerade mal 23 Jahre alt. “Wunderkind” hatte Mike beim Überfliegen des Memos gelesen. “Bullshit”, spuckte er laut aus, als er darüber nachdachte, und schnippte wütend seine Zigarette auf die Straße. Er gab nicht viel auf Abschlüsse und Diploma. Er war einer der besten Ermittler und er hatte nie eine Uni von innen gesehen und war auch in der Schule nie sonderlich gut gewesen. „Bücherwissen bringt dich im echten Leben selten weiter, Erfahrung, das ist das A und O.“ Er merkte, wie er gerade die Argumentation mit sich selbst verloren hatte. Wenn er gut war, war es seine Pflicht, jüngeren an seiner Erfahrung teilhaben zu lassen, wie sonst sollten sie es lernen? „Verdammt“. Auf der anderen Straßenseite hielt ein moderner Kleinwagen. „Das muss er sein, na endlich“. Mike klappte seinen Kragen hoch und überquerte mit schweren Schritten die Straße, versuchte dabei, die eine oder andere Pfütze auszulassen; vergeblich. Als er vor dem Haus, zu dem er und sein neuer Kollege gerufen wurden, stand, war seine Laune noch schlechter geworden und sie besserte sich nicht, als er merkte, dass er offensichtlich frühzeitig den relativen Schutz der Häuserecke verlassen und sich komplett dem Regen ausgesetzt hatte, denn aus dem Auto stieg – sehr umständlich – eine junge Dame aus. „Wer zum Teufel sind denn Sie und was haben Sie hier verloren?“
Erschrocken ließ sie ihre ledernde Tasche fallen, die sie gemeinsam mit einem Regenschirm, ihrem Autoschlüssel und ihrem Handy in ihren viel zu wenigen Händen zu balancieren versucht hatte. Das heftige Fluchen der jungen Frau ließ Mike kurz innehalten, aber schnell hatte er sich wieder gefangen. „Wer Sie sind, will ich wissen!“
Sie streckte ihm eine Hand entgegen, wodurch ihre Tasche wieder aus den Armen rutschte. Dieses Mal war Mike schnell genug, aber auch sein Gegenüber versuchte, der Gravitation entgegen zu wirken und die Tasche vor einem nassen Zusammentreffen mit dem Boden zu bewahren, was dazu führte, dass sie mit den Köpfen zusammenstießen. „Das… das tut mir leid“, stammelte sie.
„Schon gut“, brummte Mike und rieb sich die Stirn. „Also?“
Sie versuchte es erneut mit der Hand und dieses Mal fiel ihr nichts runter. „Alex Smith, Sir, ich sollte Ihnen bei der Ermittlung helfen…“ Sie bemerkte seinen Blick und ruderte zurück. „Zuschauen, Ihnen zuschauen. Headquarters hat mich hierhin beordert. Entschuldigen Sie die Verspätung, ich bin noch nie in London Auto gefahren und…“
„Jaja, schon okay“, unterbrach er sie. „Sie sind Smith?“
„Oh…“ Alex hätte es wissen müssen, das passierte ihr ständig. „Alex Smith, genau.“ rief sie mit gestellter Selbstsicherheit und stand dabei automatisch etwas strammer und trotzdem trennte sie von dem stämmigen Mann im Trenchcoat noch mindestens 40 Zentimeter. „Okay, dann lassen Sie uns rein gehen, ich stehe schon lange genug im Regen“, polterte Mike ruppiger als er wollte und es tat ihm sofort leid. Er fühlte sich als habe man ihn absichtlich auflaufen lassen und nun war ihm sein Verhalten unangenehm, legte er doch großen Wert darauf, niemanden nach Geschlecht, Äußerem oder Herkunft zu beurteilen. „Höchstens nach dem Alter“, murmelte er. „Sie werden wirklich jedes Jahr jünger und wedeln mit immer mehr Abschlüssen vor einem herum. Aber besser in ihrem Job wurden sie dadurch nie.“
Die Spurensicherung war längst weg, Mike wartete gerne, bis die Kavallerie durch war und er in Ruhe ermitteln konnte. Die Ergebnisse der Spurensicherung bekam er auch nicht schneller zu sehen, wenn er ihnen am Tatort vor den Füßen rumlief und so ungerne er es zugab, die Jungs fanden mit ihren ganzen CSI-Technik einfach mehr als er mit bloßem Auge. Es war schon lange nicht mehr die gute alte Zeit, wo ein Tatort mit Lupe und Pinsel nach Fingerabdrücken untersucht wurde. Mike klopfte an die Tür, die offen stand, und trat ein, gefolgt von seiner jungen Begleiterin. Nach einem kurzen Wortwechsel mit dem letzten, anwesenden Beamten, einer Polizeipsychologin, gingen sie beide ins Wohnzimmer durch, wo sie die Eltern sitzen sahen. Er ein bekannter Schauspieler, sie ein Ex-Modell. Bei einer x-beliebigen Entführung hätte man nicht extra nach Mike gefragt. Es war kein Geheimnis, dass der Polizeichef in den Kreisen der Reichen und Schönen verkehrte und nur zu gerne dazu gehörte und nur zu gerne mit Gefallen für eben diese um sich warf. Doch hier konnte Mike ihm das nicht übel nehmen, der Fall würde bald in sämtlichen Medien landen und es war immer gut, der Presse voraus zu sein und in Ruhe ohne den Druck von außen und die Publicity arbeiten zu können. Er räusperte sich vorsichtig – die Stille macht ihn verrückt, warum sind Eltern in solchen Fällen bloß immer so still? „Erzählen Sie mir doch bitte von vorne, was genau passiert ist. Haben Sie ein Schreiben bekommen? Einen Anruf?“
„Nein“, fing die Mutter an, sichtlich mit den Tränen kämpfend. „Sie war einfach… weg. Verschwunden.“
„Ich habe den Bericht der Spurensicherung noch nicht vorliegen“, sagte Mike und beobachtete dabei Alex aus den Augenwinkeln, die selbst den Tränen nahe zu sein schien. „Gab es Zeichen eines Einbruchs? Können Sie mir die Umstände schildern? Wann haben Sie bemerkt, dass Ihre Tochter verschwunden ist? Jedes Detail kann helfen.“
„Sie war einfach weg“, schluchzte die Mutter.
„Wir haben sie ins Bett gebracht, wie sonst auch,“ ergänzte der Vater und legte seinen Arm beruhigend um seine Frau. Gegen 7. Als wir später nach ihr sahen, schlief sie friedlich und heute morgen…“ Oh Gott, in der Gegenwart weinender Männer wurde Mike immer unwohl und er wäre an jedem blutverschmierten Tatort lieber als hier in diesem Wohnzimmer. Hilfesuchend blickte er zu seiner Begleitung, die aber sichtlich aufgelöster schien als er und aussah, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen und Trost spendend zu den beiden hinüber laufen.
Er ging zu ihr rüber und nahm sie zur Seite. „Wenn Ihnen das hier zu viel ist, dann warten Sie lieber draußen, so sind Sie mir keine Hilfe.“ Zögernd drehte Alex sich um und warf noch einen letzten Blick zurück in das Haus, in dem sie aufgewachsen war. Auf ihre Eltern, die sie vor 15 Jahren das letzte Mal gesehen hatte, in einer regnerischen Nacht, genau wie heute.

Photo by gfpeck on flickr, some rights reserved.

gamescom 2014

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Videogames
gamescom_2014

Mit ein paar Tagen Abstand mal einige Gedanken zur diesjährigen gamescom in Köln. Ich war insgesamt 3 Tage da (trotz kaputtem Rücken), den Mittwoch, Donnerstag und den Sonntag. Sonntag war es komischerweise echt angenehm und kaum voll, da war es am Fachbesuchertag (Mittwoch) fast schlimmer. Der durchschnittliche Fachbesucher scheint heute zwischen 14 und 16 zu sein. Termine hatte ich nicht so schrecklich viele, ich war bei Daedalic (Previewartikel mit The Devil’s Men, Randal’s Monday und Fire), bei Gameforge (Previewartikel zu Orcs Must Die und HEX), bei Warner Bros.(Previewartikel zu Lego Batman 3) und natürlich wie immer bei Ubisoft (Previewartikel mit Siedler, Assassin’s Creed und Far Cry). Ansonsten ist die gamescom ja immer ein bisschen Klassentreffen, viele der bekannten Gesichter waren dieses Jahr leider gar nicht da und einige, die ich treffen wollte, habe ich verpasst.

Zurück bleibt wie immer ein gemischtes Gefühl. Wäre das die letzte gamescom gewesen, ich wäre auch nicht sonderlich traurig drum. Aber zur nächsten werde ich dann doch wieder in Köln sein.

Alle Artikel von Zockwork Orange zur gamescom 2014 findet ihr hier.